Lebensfresser
LEBENSFRESSER, ist ein Abriss/Ausschnitt einer psychoanlytischen Sitzung
Das Telefon klingelte.
Albert griff zum Hörer: „Ja, bitte sehr!“
„Albert, ich bin’s“, rief Walter laut am anderen Ende, um den Straßenlärm zu übertönen.
„Du ich hab hier Einen, Einen für dich, den musst du dir ansehen. Intelligenzbestie, Mitte zwanzig,
hat alle Brücken hinter sich abgebrannt, die ganze Welt ist beschissen, und alle haben bloß’n
Arsch offen, na du weißt schon.“
„Ja, wieso!?“ warf Albert ihm an den Kopf >warum gibst du Idiot ihm meine Nummer<,
wollte er noch hinterherschicken, behielt es aber für sich.
„Albert, ich bin grad unterwegs, hab ihm deine Nummer gegeben, der wird sich sicher bei dir
melden.“
„Was ist mit den Auswertungen, die du mir schon vor Monaten schicken wolltest?“
„Aaaach, ja, Mensch geht heut raus.“
„Ganz sicher?“
„Is’ versprochen, geht heute raus.“
Das Gespräch riss ab. Albert warf den Hörer in die Ecke, das Telefon hinterher und schickte
mit einer fluchenden Armbewegung alle Ordner und Bücher vom Tisch zu Boden.
Ina kam aus dem Nebenzimmer: „Was ist los?“ fragte sie böse und griff nach seinem Arm.
„Ha, was soll’n los sein?“ und schleuderte auch das letzte Buch von der Kante.
„Lass das sein“, sagte sie drohend, „hat Walter wieder angerufen?“
„Dieses blöööde Schwein, ich halt’s nicht aus!“
Ina antwortete nicht, sie sammelte die Ordner und Bücher vom Boden. „Ich muss morgen auf
diese Tagung, dafür brauch ich diese Bücher, dafür hab ich sie rausgesucht und überall einen
Zettel zwischen die Seiten gelegt, die ich brauche. Das machst du jetzt, ich hab noch zwei
Sitzungen.“
„Du meinst diese Neurologentagung?“, fragte er bissig „diese Gehirnfleischer! Bestimmen die
in Zukunft über die Psychoanalyse?“
„Möglich!“
„Demnächst kommt ein Neuer, Walter gab ihm meine Nummer.“
„Dann weißt du ja was du zu tun hast!“
Nach einem Jahr
Albert überflog die Stichpunkte im Protokoll der letzten Sitzung.
- Diskette verloren, Inhalt: intim, persönlich
- Neid gegenüber schönen Frauen
- Lebensfresser
- Verneinung von sexueller Gier
Dann nahm er das Charakterprofil, sein Ritual, um sich auf den jeweiligen Menschen
einzustellen.
- Charismatisch, aufbrausend, aggressiv, melancholisch…
Weiter laß er diesmal nicht. „zerrissen und wieder verknotet, – ich komm nicht an ihn ran“,
murmelte er vor sich hin.
Ina beugte sich über ihn, legte die Arme um seinen Hals und senkte ihren Kopf auf seine
Schultern. „Wie lange noch, wie lang willst du dir das noch antun?“ fragte sie verzweifelt.
„Ich werd ihn nicht aufgeben!“, antwortete er entschieden. „Ist das jetzt klar – ich muss jetzt
rein.“
„Es sind jene deren Erwachsensein nicht auf eigener Lebenserfahrung basiert, sondern auf
dem Herumpopeln im Lebenslauf Anderer. Weil diese verdammten Arschgeigen, all diese
Armleuchter, die brav und ordentlich ihren Weg machen, all die, die sich noch nie was getraut
haben…“
Und er sprach, nein er brüllte. Zähnefletschend brachen Wut und Jähzorn wieder aus ihm
heraus: „Das sind die Schlimmsten, das sind die, die nur durch mein >Seelenprotokoll< zum
ersten Mal einen Weg sehen, sich über solche Themen Klarheit zu verschaffen.“
Mit Händen und Füßen sprach er jetzt, immer wieder auf den Boden stampfend: „Weil sie auf
diese Weise nicht von sich selbst sprechen müssen. Können tiefgründig darin rumrühren ohne
von sich selbst zu sprechen. Dabei sind sie es die am meisten davon betroffen sind, haben sich aber nie
getraut darüber zu reden, weil es in den Milieus, in denen sie aufwachsen, Problemheinigesülze
ist. Und genau das wird es sein, was von mir übrig bleibt, ein Problemheini. Es ist so
leicht, so leicht, jemanden zu entstellen, bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren.“
Er sprach jetzt ruhiger, fast als sei er ermüdet.
„Und Keiner versteht das, oder wie?“, fragte Albert.
„Gibt es dabei denn viiiiel zu versteeehen? Ich sehe nicht, dass es da viiiiel zu versteeehen
gibt. Die, mit denen ich bisher darüber gesprochen hab, – lassen das gar nicht zu. Wieso nicht,
ich kann’s nicht fassen. Kann doch nicht sein! Dieses Dokument, auf der Diskette, die ich da
verloren hab, ist so intim, so persönlich, wie es nur geht. Und, dass sich dann sowas daraus
entwickelt, wie ich hier beschreibe, verdammt noch mal, ist das nicht meeehr als Wahrscheinlich?“
„Ja, lieber Marc, aber wieso nimmst du das denn mit zur Uni, Mensch Junge!“
„Wieso, wieso“, und war wieder ganz aufgebracht „ich hab dort angefangen das zu schreiben,
weil ich häufig einfach nur da saß, stundenlang und es lief vorwärts und rückwärts durch mein
Hirn. Ich kam nicht zu dem, was ich eigentlich wollte.“
„Und wieso glaubst du, dass die Menschen sich dafür interessieren, gerade in der aktuellen
Zeit? Mensch, die sind doch alle beschäftigt.“
„Es bin nicht ICH, für den sie sich interessieren. Es sind die Themen, Themen des
Menschseins, des Hierseins, all die Nöte, Ängste auch Komplexe, die das Individuum mit sich
rumschleppt, mal mehr, mal weniger. Alles Dinge, die der Erfolgreiche nicht zu haben hat.
Alles Dinge, die uns unangenehm sind. Alles Dinge, wo wir Sorge haben auch nur in
Verdacht zu kommen, uns darüber Gedanken zu machen. Und sie interessieren sich vor allem
auch deshalb dafür, – ach verdammt noch mal, warum muss man euch Psychofritzen das
erklären, – müsst ihr doch besser wissen.“
„Nein, weiß ich nicht. Aber kannst du dich dazu durchringen mir das zu sagen, ja, bist du so
freundlich!?“
„Ach“, sagte er nur und fuchtelte mit den Händen in der Luft, schwieg eine Weile, sprach
dann aber doch weiter: „hab das eben nicht so gemeint.“
„Ja, – gut, wird angenommen, aber jetzt mal weiter!“
„Diese Dinge eben, diese Eigenschaften die ich gerade aufgezählt hab, die sind doch nicht
weg, nur weil sie ausgeblendet werden. Jede Generation wird aufs Neue damit konfrontiert.
Vor allem, wenn es um die erste Liebe geht, den ersten Sex, dann taucht das alles auf, nur gibt
es keinen Austausch darüber, wenn dann nur indirekt. Aber das Leben geht weiter. Es zieht
einen hierhin, es verrenkt einen dahin, alles ohne tieferen Einblick in die verneinten Bereiche.
Und dann beginnt plötzlich eine Phase wo dies zum >reifen< Menschen dazugehört, wo es
zum >Erwachsensein< gehört, sich damit auszukennen und sie lechzen förmlich danach. Big-
Brother, Dschungelcamp die ganze Grütze kommt doch nur deswegen so an.“
„Jetzt mal langsam. du glaubst das wird geguckt, weil die Menschen da was lernen wollen“?
„Nein verdammt noch mal! Es verschafft Gelegenheit Themen anzufassen, weil man reden
kann von DEM DA, und nicht von sich selbst reden muss. Was für eine Welt wartet auf uns,
nach dem Studium, nach der Schule. Ist Freundschaft oder die gute alte Liebe – sind das nicht
Dinge, die Raum brauchen? Da geht gerade eine Freundschaft zu Bruch. Es wäre möglich es
aufzuhalten, ganz leicht, wenn man sich nur bewegen könnte. – Wer sind die, die Da auf uns
warten. Lebensfresser sind es. Die Souveränität und Selbstsicherheit, mit der sie auftreten,
kommt nicht von innen. Gelernt haben sie es, antrainiert geübt und zwar so, dass es zum
Erscheinungsbild des Unternehmens passt. Ein ganz schmaler Grad auf dem sie entlang
balancieren und genau das wollen die auch von uns. Schon die kleinste Abweichung bringt
deren Souveränität aus den Fugen. Aber das Leben, all die Sehnsüchte, Hoffnungen sind doch
deshalb nicht verschwunden und damit bleiben auch die Fragen, nach dem was Männer
wollen, was die Frauen wollen! Und wenn es nicht die Fragen sind, dann eben die bizarren
Wahrscheinlichkeiten, die Sammelsurien der möglichen Antworten auf diese Fragen, die sich
über die Jahre auf dem schmalen Grat rausgebildet haben. Das müsste doch alles etwas sein,
was euch Analytiker beschäftigt. – aber selbst eure Räume, die Räume von euch Seelendoks
sind dem meist verschlossen."
„Ja? Wieso das? Hast du ein Beispiel?“
„Nicht wirklich.“
„Ach so!“
„Ich geb Ihnen ein Beispiel!“, antwortete er aufgebracht. „Eine Frau kommt zu ihnen,
auffallend gut aussehend. Sie studiert und kellnert hier irgendwo. Sie kommt zu ihnen und
beschreibt, wie es ihr beim Kellnern häufig geht. Sie fühlt die Verpflichtung jedem ein strahlendes Lächeln zu geben,
jeder will das gerade von ihr. Sie fühlt ständig den Vorwurf im Nacken, arrogant zu sein.
Ständig werden Vorwürfe erhoben, was ihre Arbeit angeht, dass dies und jenes wieder nicht ganz passend war.
Und sie sagt ihnen, dass sie glaubt es hat mit ihrem guten Aussehen zu tun. Mann, ich wette 99 von 100 Psychdoks werden
ihr Narzissmus bescheinigen. Und wenn das passiert, wird sie eine andere beklemmende Sache gar nicht versuchen anzusprechen.
Von den männlichen Typen, die zwar nicht kellnern aber irgendwie auch zu dem Team gehören,
nimmt sich jeder das Recht sie morgens mit Küsschen zu begrüßen, is’ ja auch gar nichts dabei,
nicht war, is’ doch nur nett gemeint.“
„Das glaubst du, ja?“
„Ja, das glaube ich! Aber – ach man müsste drei Sätze auf einmal sprechen können, die sich alle irgendwie überlagern!“
„Ja hast recht aber mach jetzt trotzdem weiter!“
„Wer sind die, die am meisten von uns profitieren und dann dafür sorgen dass wir in der Gosse landen ? Welcher Typus ist das?
Solche wie Minister Hempf, aus dem Film das Leben der anderen.“
„Was ist mit dem?“
„Was ist mit dem, das fragen Sie, ja? Was macht der denn da, können Sie sich daran nicht erinnern.
„Ja, vielleicht kann ich, das aber du musst das mal sagen hier!“
„Na, was macht der!? So einer wie der würde sich nie an diese Frau heranwagen, mit sexuell offensichtlichen Absichten schon gar nicht.
Aber dank der Stasi-Instrumente weiß er Bescheid, weiß eben vorher Bescheid. Und nur deswegen gelingt es ihm selbstsicher,
souverän aufzutreten, jedenfalls so, wie einer wie der, sich das vorstellt. Aber wie unsicher und voller Ängste er eigentlich ist,
gerade was soziale Kompetenz angeht, konnte man gut sehen als er sich auf dieser kleinen Feier zum ersten Mal annährt.
Er küsst die Frau, fragt aber vorher: „Ich darf doch?“, und er fragt Ihn, nicht sie. Stellen Sie sich mal vor Sie hätten
den hier auf der Couch und würden ihn darauf ansprechen, mit dem Hinweis dass seine Unsicherheit da zum Vorschein kam.
Dann würde der sofort losbrüllen: „höööflich, wollte nur höflich sein.“ Aber egal nachdem er der Frau also einen Schmatzer gab,
schiebt er noch hinterher: „Wie hat Ihnen den meine kleine Rede gefallen“.
Und er stellt die Frage mit dieser Dummdreistigkeit, wie man sie auch erleben kann wenn Menschen etwas schenken,
und oben drauf auf dem Geschenk liegt die Frage: Na, wie war ich, wie bin ich zu dir, hab ich doch gut ausgewählt?
Können Sie sich jetzt vorstellen, wie sehr solche, von Menschen wie mir profitieren? Welche Summe an Erfahrungen
die mal eben so mitnehmen. Erfahrungen die sie selber nie machen würden, weil sie nicht mal scheissen gehen,
ohne zu prüfen ob es ein Norm gibt. Aber sie sind morgen die ersten, die uns zu verrückten erklären, zu irgendwie nicht normal,
zu denen die Probleme haben, irgendwie nicht klarkommen, zu den schwächlichen, denen man helfen
muss. – Ach ich komm vom Thema ab.
„Nein würd ich nicht sagen. Aber auch wenn dich das gleich wieder auf 180 bringt, ich sag dir trotzdem.
Du würdest nicht sagen, oder irgendwie zustimmen können, wenn ich sage, diese –
Betrachtung hat doch auch was mit deiner DDR Vergangenheit zu tun. Aufgewachsen in der Zone, die ersten zwanzig Jahre..“
„19“
„Gut, meinetwegen 19.“
„Sie sagen immer Zone?“
„Ja, sage ich. So nenn ich das.“ Wir sind, also ich meine Frau, manchmal auch ich nur allein, rüber gefahren, nach drüben.
So hat man damals immer gesagt, nach drüben. Und da wurde einem immer Himmelangst, wenn man diese ganze Anlage passieren musste,
die Typen, diese Grenzer mit denen man es zu tun hatte.
„Ja war alles ganz grosse Scheisse was se mit uns gemacht haben. Können Sie sich nicht vorstellen wie ich deswegen verzweifeln könnte.
Diese Sosse lässt sich doch über alles kippen, was ich von mir erzählen könnte, wenn es um die Schwierigkeiten des Seins geht.
Können Sie das nicht weglassen, mal rausschneiden für eine Weile. Gucken Sie sich doch einfach diesen Hempf an,
glauben sie diesen Typus gibt es hier nicht?“
„Hier und da gibt es vielleicht ein Paar, aber doch eher die Ausnahme. Aber bei euch – ja, hörste mir zu?
War euer Leben doch überzogen von solchen Typen.“
[...]
„Ich nehme an, dass sie noch Zeiten erlebt haben, in denen die Regel – unter der Decke
gehalten wurde, Zeiten in denen Männer erst nach Vollzug der Ehe davon erfuhren, vielleicht
nicht mal das, und sich immer wunderten warum SIE mal wieder SOOO ist. – Und Sie als
Seelendoktor, glauben Sie nicht, dass unsere Seelenlandschaft sich auch erweitert, beim
heranwachsen? Und was da alles kommt. Was glauben Sie denn wie viele männliche Zombies
an der Uni rumlaufen? Das Hirn voll mit all möglichen Usus über das, was Frauen wollen.
Mit all dem, was die über mich lesen können, können sie tiefgründige Gespräche mit Frauen
anfangen. Indem sie von den >Problemen< reden, die -DER DA- hat. Daran angelehnt Themen
anschneiden, die sie schon immer mal einer Frau gegenüber anreißen wollten, sich aber bisher
nicht trauten. Aber so, aus der Distanz, mit dem Fingerzeig auf DEN DA, – man – und wenn’s
gut läuft, dann erscheinen sie als Männer, die sich über so was GEDANKEN machen, ohne
dabei auszushen als hätten sie selbst solche >Probleme<. Noch ein paar Floskeln aus der Normgesellschaft
und der Anstrich von Größe, Reife und Tiefgang ist fertig. Und die Frauen – die Frauen, ja.
Hier, hier sind Frauen und da die anderen Frauen, die am Gefühl des hässlichen Entchens leiden,
– sind vielleicht gar nicht hässlich, aber beherrscht von dieser Empfindung, mit einer Stinkwut auf sich,
auf die Welt, auf uns Männer und auf die Frauen die begehrt werden. Was glauben Sie denn
was diese Stinkwut-Frauen machen? Mann, die können doch gar nicht anders als damit rumspielen
und wenn es nur eine sadistische Freude ist, zu sehen, was sie damit alles anrichten können.“
„Ja, was du da beschreibst das passiert, so ist die Welt, was willst du dagegen machen?“
„Ich will gar nichts dagegen machen. Aber was heißt denn nun, so ist die Welt? Bevor ich bei
Ihnen war, war ich deswegen, DESWEGEN schon mit einem Fuß in der Klapse. Es wird
verneiiiiiint. Es ist eine Wahrheit die verneint wird, das ist das Entscheidende, es wird
verneint, so wie sexuelle Gier auch mal verneint wurde. Es ist eine Wahrheit, die verneint
wird, deswegen ist es so leicht jemanden zu verzerren, wenn einer allein dasteht, auf weiter
Flur, umso leichter. Sie wollten doch wissen, warum ich glaube, dass man sich darüber
hergemacht hat.“
“Gut, ich…“
„Ich bin noch nicht fertig! Die, die noch nie in Angst und Not waren, sodass sie über Hürden
steigen mussten, ohne zu wissen was dahinter wartet, das sind die Schlimmsten, obwohl sie
am meisten davon profitieren. Es sind jene, die nicht durch eigene Lebenserfahrung erwachsen
werden, sondern durch rumpopeln im Lebenslauf anderer. Das, was sie dort erfahren
verbuchen sie als >ich weiß nun auch Bescheid<. – Was wenn ich all dem Morgen nicht
mehr standhalte und völlig ausflippe? Was wird dann passieren? – Dann wird all das, was
bisher nur verschwommen und indirekt zu meiner Person in den Raum geworfen werden
konnte, richtig ausgekippt. Den Polizisten oder Sicherheitsheinies vor die Füße gekippt. Die
werden dann Psychiater oder Psychologen herbeirufen. Man, ich sag ihnen diese Typen – ihr
Analytiker seit manchmal schon ne Nummer, aber Die?“
Albert wollte nachfragen, sah aber den verängstigen Ausdruck in Marc’s Gesicht und hielt
sich zurück.
Beide Schweigen. Albert vermied es einen Anstoß zu geben, ein Anstoß ist
immer suggestiv. Nach dem, was er alles gesagt hatte, war nur das brauchbar was er jetzt noch
von sich aus erzählte.
„Und dann wird eine Diskette gefunden“, sprach er schließlich weiter „von Jemandem, der
hier unter uns weilt, der hier an der Uni seine Runden dreht. Keiner aus’m Fernsehen, wo man
nicht genau weiß ob er doch nach Drehbuch, sondern richtig, wirklich, real. Außer diesen
ganzen persönlichen Dingen, war auch ein Lebenslauf dabei, ein tabellarischer, also mit
Namen, Anschrift, Photo usw. Man hätte sie mir also leicht zurückgeben können, aber… diese
blöden Arschgeigen. Und wer sich alles daran bedient hat. Sie fressen mein Leben, so
empfinde ich das – fressen mein Leben. Und es bleibt doch nicht nur dabei, dass irgendwelche
Leute, irgendwas von mir denken oder sagen. Wenn ich hier in der Gegend angeworben
wurde, sind schnell welche zur Stelle, die darauf aus sind, das hervorzuzerren, oder eben
andere >aufklären< darüber, was -DAS DA- für einer ist.
Sie wollen wahrscheinlich wieder was Konkretes, ein explizites Beispiel!?“
„Ja, wäre ganz angebracht.“
Marc wandte den Kopf hin und her, windete seinen Körper, als wollte er sich in den Sessel
schrauben: „Ich scheu deshalb davor zurück, weil Ihr Psychoheinis es immer nur auf
irgendeine Einzelheit abgesehen habt. Die Ihr dann übermäßig interpretiert und die
Interpretation zur Tatsache erhebt.“
„Sowas machen wir?“ fragte Albert flapsig.
„Ja, so was macht ihr!“ antwortete Marc schon wieder aufgedreht, bereute es aber sofort.
„Hier ist ein Beispiel. – Die Lebensfresser, auf der männlichen Seite, sind zum Beispiel jene,
die vielleicht gestern zum ersten Mal im Bordell waren, weil man mittlerweile alles im
Internet aufrufen kann. Weil die Frauen dort mit ihrem >Servicekatalog< präsentiert werden.
Man(n) weiß also vorher – was sie macht, kann das einfordern, muss keine Ängste überwinden
abgewiesen zu werden. Sie müssen sich ihre eigene Unsicherhit nicht eingestehen,
nicht überwinden. Sie müssen keine Angst haben sich zu genieren, weil sie etwas
Ausgefallenes fordern. Es ist jene Sorte, die sich auch geniert einen Erotikshop aufzusuchen,
um sich eines der Magazine mit den Adressen und Telefonnummern zukaufen, denn
schließlich will man doch keine dumme Sau sein, nein nein man weiss bescheid, wie man Frauen >rumkriegt< und hat das nicht nötig."
„Und du? Warst du schon mal im Bordell?“
„Ja, – Herr Doktor, war ich! Das heißt – nein, im Bordell nicht, aber ich war mit vielen
Callgirls zusammen, aber zu der Zeit gab es noch kein Internet. Und überhaupt, war es den
Frauen selber überlassen, wem sie wie viel geben. Vor kurzem wurde ein Bordellinhaber
wegen Zwangsprostitution verurteilt. Angeblich hat er mit psychischen Mitteln die Frauen
manipuliert. Aber selbst wenn das stimmt – in dem Bericht wurden auch die >Servicekataloge<
erwähnt. Sie wurden E-R-W-Ä-H-N-T, in dem Teil des Berichts der das Bordell
beschreibt, aber nicht als Hinweis oder als Indiz für Zwang.
Soviel zur männlichen Seite. Auf der weiblichen Seite finden sie Frauen die – konvertieren,
zu einer bestimmten Religion, die Sex vor der Ehe verbietet. Sie wollen sich unbedingt
zwischen den, aus ihrer Sicht, schönen, attraktiven aufhalten, aus was für Gründen auch
immer. Und in den Gesprächen, die dort stattfinden, zu Thema Männer, benutzen sie diese
Religion als Schutz. Wenn die Reihe an ihnen ist, dann können sie sagen >ja - ich bin aber…<
So irres Zeug findet da draußen mittlerweile statt. Hören sie was ich sage?! Ich spreche nicht
von Frauen, die von Geburt an solchen Religionen angehören! Ich spreche von jenen die sich
solch einer Religion anschließen, um sie dafür zu benutzen. Wie viel Wut und Angst gehört
dazu, sich das anzutun. – Auf der Diskette hab ich auch davon geschrieben, wie es war, mit
meiner ersten großen Liebe, dass wir keinen Sex hatten. Ich konnte das
Gefühl von Liebe und Sexueller Gier nicht miteinander verbinden. Ich kann mir das heute
selbst kaum vorstellen, kann mich aber erinnern, dass es so war. Ich werd jetzt nicht
beschreiben oder erklären, was dieser Typ Frau damit anfangen kann.
„Wen meisnt Du jetzt mit: Typ Frau, deine erste Liebe?“
„Nein die nicht, die konvertierten. Ich sag nur noch mal, dass es nicht bei >Gerede< bleibt.
Es geht bis in’s berufliche, und wird damit extentiel bedrohlich. Bei der erst besten Gelegenheit kommen die dann,
mit solchen Sachen wie >War gar nicht so gemeint, is gar nich schlimm, mach dir keinen Kopp,
wollte dich nich beleidigen<. Was wenn ich morgen dem nicht mehr standhalte, völlig ausflippe – das hat’ ich schon.
Wenn ich das Interesse von Frauen gewinne, hab ich immer Sorge, dass sie angefeindet werden, wegen der Bekanntschaft mit mir,
oder plötzlich erschrocken sind. – Manchmal kam es vor, über Nacht, dass sie plötzlich Angst vor mir hatten.
Oder – was ich am – am beklemmendsten finde, dass eine bestimmte Sorte von Männern glaubt,
ach das ist ‚SO Eine’. Wenn die ‚SO EINEN’ gut findet, dann darf ich auch mal. Und wenn ich mit euch Seelenklempner darüber rede,
fällt euch nicht mehr ein, als Neurose. Dass sich etwas abspielt, wie gerade beschrieben,
kann nicht sein, geht überhaupt nicht. Und dadurch fühl ich mich diesem ganzen Schlamassel
noch mehr ausgeliefert als vorher.“
„Aber glaubst du denn, dass nun wirklich alle an der Uni, alle die man dort treffen kann,
dies, was man auf dieser Diskette über Dich nachlesen kann, gegen dich verwendet, sich
darüber lustig machen, Dir schaden will? Das glaub ich nicht!“
„Nein ich auch nicht.“
„Glaubst du auch nicht?“ fragte Albert sofort überrascht und erfreut.
"Nein, glaub ich auch nicht. Aber wenn sich Kontakte ergeben sollten, warum sollen die sich
das antun. Und es würde Ihnen nicht verborgen bleiben, wie sehr bei mir immer alles auf
Messers Schneide steht. Und bevor diese Kontakte sich festigen sind die Anderen zur Stelle.
Ist ja nicht so, dass das zwei völlig getrennte >Lager< sind. Ich fühlte mich noch nie so
gefesselt an meinen Lebenslauf wie jetzt. Vor zwei Jahren dachte ich, ich bin dem entkommen.
Aber quasi über Nacht brach das wieder über mich herein.“
„Also – ich würde nicht sagen dass das Kokoloros ist, was du da beschreibts. Ich kann mir vorstellen,
dass sich sowas entwickelt. Aber – es ist doch auch so. Das setzt voraus, dass die Menschen unglaublich
leicht zu beeinflussen sind, dass sie sich kaum eine eigene Meinung bilden, immer nur auf das hören
was ihnen Andere einträufeln. Das ist doch aber eigentlich unglaublich schwierig.
Das weißt du doch auch. Aber wenn man dir zuhört, muss das ganz einfach sein.“
„Weil ihr euch das immer vorstellt als eine Situation in der die quasi irgendwo aus der Ecke
kommen und ihre Witze machen oder einfach nur ablästern. Und das ist es nicht, jedenfalls
nicht das, was ich meine. Es sind Freund und Freundin, meist sogar gute Freunde. Und wie
die vorgehen, wie das funktioniert, man das muss doch was sein, was in eurer Wissenschaft
zu Hause ist?“
Weiter sprach er nicht, holte nur einmal tief Luft und beugte sich leicht nach vorn, wie
jemand der die Waffen streckt. Da war wieder der Punkt an dem es nicht weiterging.
„Lieber Marc, du musst dir was einfallen lassen, irgendeine kurze Geschichte, Anekdote um
das zu verdeutlichen. Ich hab nämlich alles ausgeschöpft, mir fällt nichts mehr ein.“
„Ich kannte mal eine Frau, die viele Jahre älter war als Ich. Eine sehr schöne Frau, das sah
man noch immer. Eine Frau, bei deren Anblick sich die Männer die Hälse verrenkt haben. Sie
hat noch eine Schwester, die aber – nicht so gut aussah. Und ich kenn ein paar Geschichten
aus ihrem Leben, die sie mal erzählt hat.“
Albert hörte zu und bemerkte wieder diesen urplötzlichen Wandel in seinem ganzen Wesenszug.
Er sprach plötzlich so ruhig, geduldig, beinah sanft. >Man müsste das mal filmen, glaubt kein kein Mensch.<
„Ihr erstes Kind bekam sie in den Fünfzigern, eine Zeit in der sogar öffentliches Knutschen
noch verboten war. Und sie bekam das Kind noch vor ihrer Heirat, mit dem Vater.
Die Gegend in der sie wohnte, war eine übermäßig katholische Gegend. Die Familie selbst ist
auch katholisch. Die Schwester kam erst nach zwei Wochen ins Krankenhaus, um sie zu
besuchen. Und sie sagte: ‚das ist die Strafe dafür, dass ihr das Kind schon vor eurer Ehe
gemacht habt.’"
„Und?“
„Ich glaube nicht, dass katholische Tugenden sie bewogen haben. Es war Neid und Wut
darüber, dass ihr das nicht passiert ist, dass in ihrem Fall kein Mann so geil wurde, sodass die
moralischen Bedenken ihn nicht mehr kümmerten. Wo soll, oder wo kann man das sagen.
Selbst heute ist das eine Betrachtung die meist dazu führen würde, dass Frauen wie Männer
aufspringen und loszetern >Was soll’n das heißen, denkste etwa die Frauen warten täglich nur
darauf begattet zu werden, egal von wem, Hauptsache es kommt einer.< – Von Ihnen erwarte
ich einfach, dass wir darüber nicht streiten müssen?!“
„Ja“, antwortete Alberte kurz und nickte ihm dabei zu, mit halbgeschlossenen Augen.
„Weiter“, sagte er dann.
„Jedenfalls hat es gewirkt“, sprach Marc zögerlich weiter „Sie hatte Schuldgefühle ihrer
Familie Schande gemacht zu haben, mal wieder, usw. Und mit dem Krankenhausaufenthalt
war es doch nicht vorbei. Das Leben ging weiter, in einer Landschaft wo dieser Vorwurf,
immer irgendwie in Vorhalte war. Und – sehen Sie – es war die Schwester – eine vertraute
Person, – eine die es doch bestimmt nur gut meint. Und in dieser Zeit, in dieser Gegend wird
kaum jemand das Verhalten der Schwester verurteilen. Es wird eher Worte geben wie naja,
ganz unrecht hat sie nicht, aber was sind wir doch für gute Menschen, wir verzeihen dir das,
darfst weiter zwischen uns weilen.
Ich würd mich nicht wundern wenn sie jetzt sagen wollen, na das ist doch lang’ her, das war vor
Jahrzehnten, die Zeiten haben sich geändert. Aber das was da funktioniert, das klappt heute
doch genauso. Es sind dann eben andere Ängste die man schürt, andere Gefahren die man in
Stellung bringt, aber das Motiv, dieses Motiv wird man heut genauso finden wie damals,
vielleicht sogar viel häufiger. Gerade heute, wo Jeder vom Andern glaubt ein ausschweifendes
Sexualleben zu haben, und von den Schönen doch sowieso. Wenn es nicht der
Neid ist, auf das Sexualleben des Andern, dann eben die Sachen von denen ich vorhin sprach.
Warum könnt ihr das nicht sehen? Es funktioniert, sogar sehr einfach, nicht mal ein
vertrackter Plan ist dafür nötig. Es ist so einfach und so wirkungsvoll, denn selbst wenn der
Betroffene, die Frau, irgendwann selbst den anderen Grund in Erwägung zieht, wird es eher
zu Selbsthass führen – eben im Sinne von, - solche schlechten Gedanken gegen die Schwester
zu haben.
Verstehen sie jetzt? – Mit all dem, was man durch die Diskette über mich erfährt, kann man
Andere aufklären und sich sogar darauf berufen, dass man doch NUR die Wahrheit sagt. Eine
Frau kann ihre Schwester AUFKLÄREN, eine Frau kann ihre Freundin AUFKLÄREN, ein
Mann kann seine Freundin, seine Bekannte AUFKLÄREN. Aufklären darüber, was DAS DA
für einer ist. In all diesen Fällen müssen sie nicht mal mahnend oder drohend in Erscheinung
treten, wie die Schwester im Krankenhaus. Nein, sie kommen beschützend oder besorgt.
Männer können tiefgründige Gespräche anrühren und werden auf diese Weise plötzlich zum
besten Freund einer Frau, die sich Gestern noch für mich interessiert hat. Eine Frau, die ich
vielleicht auch sehr mochte, die vielleicht die Rettung für mich hätte sein können, so
schwülstig und albern sich das anhören mag. Aber es endet so. Manchmal sogar so, dass diese
Frau plötzlich Angst vor mir hat, oder mir plötzlich begegnet als wäre ich irgendein Snob der
Wert darauf legt mit besonders höflichem Vokabular angesprochen zu werden. Wenn ich mir
vorstelle, dem entgegenzutreten schnürt sich mir alles zu. Soll man es feige nennen, bitte.
Aber eigentlich bin ich doch niemand der riskante Sachen fürchtet, aber dies – das ist alles
wie – Nebel den man nicht greifen kann. Selbst wenn es gut ausgehen würde, wohin sollte ich
diese Frau den holen? Die Arbeitswelt, das, was die alles reden, was die von uns wollen – für
mich fühlt sich das an, wie das Leben auf einem endlos Drahtseil.“
„Also, Fazit, die Menschen müssten mehr miteinander sprechen, müssten all ihre Probleme
eingestehen und dann…
„Nein verdammt noch mal, Blööööödsinn“, stiess er völlig ausser sich, hervor. „Sollen sie
doch alle weiter so leben, sollen sie doch verrecken daran. Sie, sie mein ich, sie sollen bloß
kapieren, Sie sollen es bloß zulassen, dass es da Welche gibt, die ständig mit dem Finger auf
mich zeigen, die ständig hervorzerren wollen, was DAS DA wirklich für einer ist, und wie
sehr mein Leben davon zugestellt wird.
Heute ist es kaum noch wichtig wie gut ein Abschluss ist, die Sozialisation steht über Allem.
Es geht um Zugänge, es geht darum sich nicht mit den Falschen einzulassen. Was denken Sie
jetzt? Dass ich mich danach sehne in höhere Kreise aufzusteigen, ich scheiß doch auf das
alles. Aber auf Freunde oder Bekannte kann ich nicht zurückgreifen. Und auf dem anderen
Weg, gehen die Türen auch gerade zu, wegen all dem Zeug. Wenn sie das letztlich alles
verneinen – dann bleibt am Ende für mich nur die Klapse."
„Du sagst immer Klapse, das ist alles nicht mehr so wie du dir das wahrscheinlich immer
vorstellst.“
„Naja, so wie Sie dauernd Zone sagen. Und wenn schon, es wird darauf hinauslaufen, dass ich verrückt bin.
Und im Zuge der Hirnforschung wird man, mit Hilfe von Tabletten, versuchen die durchgeschmorten Drähte
wieder richtig zu verlöten. – Vor zwei Jahren dachte ich, ich bin dem entkommen. Freundschaften hatten
sich – gebildet. Landschaften taten sich auf, die ich schon aufgegeben hatte, die ich schon als
Phantasiekonstrukt abgetan hatte. Jetzt bin ich wieder allein. Ich kann Freund von Feind bald
nicht mehr unterscheiden. Auf den ganzen intimen Seiten“, sagte er nach einer Weile „die ich dort
geschrieben hab’, taucht eventuell auch der Name meiner ersten großen Liebe auf, ich bin mir nicht
sicher, halt es aber für sehr wahrscheinlich, wenn ich an all die Themen denke, über die ich geschrieben
hab. Wenn man den Namen auf Google eingibt, findet man sie, gleich auf der ersten Seite, dazu der Name
der Firma für die sie arbeitet. Ich will mir gar nicht vorstellen, auf was für Ideen manche dabei kommen.“
Albert wartete noch einen Moment, da Marc aber nicht weiter sprach, sagte er schließlich:
„Ich kann Dir heut noch nichts dazu sagen. Aber, Wir müssen jetzt leider Schluss machen!“
„Is’ gut.“
INA
Und, – wie war’s? fragte Ina
„Er muss hier weg!“
„Und wie soll das gehen?“
„Weiß ich auch nicht, aber hier hat er keine Chance!“
„Das heißt du glaubst ihm?“
„Ja, ich glaub ihm! Ich glaube, dass sich genau das abspielt was er da beschreibt…“
„ER LEIDET - an einer schweren Neurose!“ sagte Ina entschieden.
„Ja, Ja, weil ihr das Leben nicht mehr wahrnehmt! Weil ihr nur noch Löcher in Gehirne bohrt
und euch die Grütze anguckt, da dabei rauskommt.“