Leseprobe, chronologisch aus mehreren Kapiteln

Der Augenblick währt nur kurz. Unverhofft werden sie Zeugen des wohl unheilvollsten Schauspiels, dem man in Rom begegnen kann. Auf einer Bahre, getragen von Dienern des Vestatempels, liegt der Körper einer Frau, mit Riemen gefesselt, sodass kein Laut zu hören ist. Stumm weichen die Menschen zur Seite. Kein Ereignis bedeckt die Stadt mit solcher Niedergeschlagenheit wie dieses. Cato drängt seinen Lehrer, mit ihm weiterzugehen, doch dieser wehrt ab. »Eine Vestalin?«
»Ja«, antwortet Cato mit kalter Stimme. »Sie werden die Bahre zu einem kleinen Verlies tragen, an der Porta Collina – und die Frau lebendig begraben.«
Zwischen den Säulen stehend, folgen sie mit ihren Blicken dem Zug, wie er sich langsam über das Forum schiebt. Schließlich greift der Lehrer nach Catos Arm und bedeutet ihm weiterzugehen.

[…] »Es sind die Priester, von denen sie verführt werden, jeder weiss es!« »Du sprichst von den Vestalinnen?«, antwortet Flavius mit vorsichtig fragendem Gesichtsausdruck. Zenon antwortet nicht sofort. Grimmig dreinblickend, schlägt er ein paar Mal mit seinem Gehstock auf die Lehne seines Stuhls.
»Gibt es sonst etwas, was Priester verführen?«, fragt er, jedes Wort überdeutlich hervorpressend.
»Sie haben ein Gelübde abgelegt«, erwidert Flavius kleinlaut, mit starren Augen, die Kinnlade langsam wieder anhebend.
»Hör auf, mir diesen Irrsinn vorzutragen, donnert Zenon weiter. «Sie sind sechs, höchstens zehn Jahre alt wenn der Pontifex sie auswählt, wissen noch nichts von dem, was sie zwischen den Schenkeln haben. Der Pontifex selbst und seine Priester sind es, die sich an ihnen vergehen und sie dann das Verlies hinabführen, um sie lebendig zu begraben.«

[…] Bevor die Wagen mit den Gladiatoren geöffnet werden, müssen sie ihre Hände durch die Gitter strecken, jede Fessel wird noch einmal geprüft. Schließlich werden sie in die unterirdischen Gewölbe der Arena geführt. Batiatus wird vom Ädilen in üblicher Weise begrüßt, man bittet ihn Platz zu nehmen und bietet ihm Wein an. Im Schein von Fackeln werden die Sklaven gemustert.
Batiatus blickt sich um. Außer ihm ist noch ein weiterer Händler anwesend, mit Sklaven der ›besonderen‹ Art. Menschen, einzeln eingesperrt, in sperrige Käfige, um einen verkrüppelten Wuchs zu erzwingen, zur Befriedigung ausgefallener sexueller Neigungen. Der Preis für ein solch absonderliches Wesen kann den eines Gladiatoren weit übersteigen. Schaudernd wendet er sich ab und mustert das Waffenarsenal, mehr aus Verlegenheit denn aus Neugier. Wie üblich sind alle Gattungen vertreten. Den größten Anteil bilden Schilde, Schwerter und Helme für Samniten und Thraker. Für Numider nur ein paar Netze und Dreizack.
Batiatus greift nach dem Becher, streift dabei den Ädil mit einem kurzen Blick. Abfällig beäugt dieser ihn, mit halb geschlossenen Augen, das längliche Gesicht schräg nach hinten geneigt.
»Warum wurde mir gestern der Zutritt zur Stadt verwehrt?«, fragt er ihn. »Es gab einen Mord an einem bekannten Stadtpräfekten«, antwortet der Ädil, wobei er beinah nach jedem Wort eine Pause macht, um schließlich das Wort ›Stadt-Prä-fekt‹ auszusprechen.
Batiatus hat keine Zweifel an der Bedeutung dieser Antwort: Sieh her, ich bin Römer, ich bin Ädil, ich muss nicht mit dir sprechen, ich tue es nur aus Mitleid. Ich kaufe zwar deine Sklaven, aber wir haben nichts gemein.
Batiatus kämpft mit sich, will sich nichts anmerken lassen. Er denkt nach. Was geht hier vor? Noch nie hab ich vor der Stadt lagern müssen.
»Was hat der Mord an einem Präfekten mit meinen Geschäften zu tun?«, fragt er, höflich bleibend, weiter.
»Der Präfekt wurde im Schlaf von einem seiner Sklaven erdolcht. Deswegen müssen alle Sklaven aus seinem Besitz verurteilt werden. Es sind an die vierhundert, ein großer Teil Frauen und Kinder.«
»Wollte man mich am möglichen Kauf hindern?«
»Es gibt nichts zu kaufen, sie wurden gekreuzigt. Man war in Sorge wegen der vielen Sklaven in der Stadt. Deine Kreaturen dort stellen ein unnötiges Risiko dar, also habe ich veranlasst, dir den Zutritt zur Stadt bis zur vollendeten Vollstreckung zu verweigern. Aber es ging zügiger vonstatten als ich dachte.«
Batiatus greift noch einmal zum Becher und mustert kurz den Ädil, der sich während des gesamten Gesprächs kaum bewegt hat. Ein höhnisches Grinsen legt sich über sein hölzernes Gesicht, der Kopf noch immer leicht zurückgelegt, eine Hand um das spitze Kinn flechtend. Er hat eine Vorliebe für Knaben und Mädchen, heißt es.
Batiatus will das Thema beenden und zum Geschäftlichen kommen.
»Die meisten Männer sind noch sehr jung,für sie will ich dreißigtausend Sesterzen.«
Der Ädil gibt einem der im Hintergrund stehenden Männer ein Zeichen.
»Hier sind fünfundzwanzigtausend, mehr zahle ich nicht – und nun geh.«
Wieder höhnisches Grinsen im hölzernen Gesicht.

[…]
Annaeus rückt seine Toga zurecht und kratzt sich im Nacken. Dieses Jucken, wird es nie aufhören? Er bittet eines der Sklavenmädchen, ihm Wasser zu bringen. Die Frau füllt einen Becher und Annaeus betrachtet lüstern ihre Hüften. Gierig trinkt er und macht sich über die erlesene Mahlzeit her. Sein Blick ruht weiter auf dem Körper der Frau. Ob noch Zeit ist? Nein! Hortensius kann jeden Moment hier sein. Nur wenige Augenblicke später hört er jemanden die Stufen heraufkommen.
»Ich grüße dich!«
»Sei willkommen«, antwortet Annaeus zwischen zwei Bissen Gänseleber und spricht dann weiter mit seiner metallischen Stimme:
»Wie ich höre, sind wieder ein paar Sklaven ausgerissen, in Capua, es ist die Schule des Lentulus Batiatus.«
»Er ist in Rom«, antwortet Hortensius. »Spricht gerade mit ein paar von den Präfekten und Senatoren, will Verstärkung haben für seine Schule.«
»Verstärkung?«, fragt Annaeus böse und lässt den Arm sinken, mit dem er gerade einen Bissen in den Mund schieben will.
»Er macht sich Sorgen wegen des Haufens, der entkommen konnte.«
Annaeus hat den Blick gesenkt und widmet sich den Speisen, die vor ihm liegen. »Wie viele sind es denn?«
»Etwa achtzig.«
»Müssen wir uns damit befassen?«, fragt er weiter, ohne aufzusehen.
»Ich denke ja. Wir brauchen den Handel innerhalb des Landes mehr als uns lieb ist. Du weißt, die Kilikier machen uns Schwierigkeiten mit dem Getreide, viele Händler werden es meiden herzukommen, solange irgendeine Räuberbande sich am Vesuv herumtreibt. Wir sollten das Problem also möglichst bald aus der Welt schaffen.«
»Achtzig – mehr nicht. Hat er nicht einige tausend, dort in seiner Schule?«
»Zwei- oder dreitausend.«
»Aber nur achtzig sind entkommen, sagst du?«
»Es gab wohl eine Verschwörung, aber sie wurde verraten.«
»Sieh an!« Annaeus nimmt einen tiefen Schluck aus dem Becher. »Also gut«, spricht er weiter. »Was schlägst du vor?«
»Eine Kohorte von sechshundert Mann. Veteranen, die noch unter Sulla gekämpft haben. Ich denke, es wird nicht schwer sein, sie auszuheben. Viele aus dem Heer sind zu recht bedauernswerten Kreaturen verkommen, es wird sie freuen, wieder Soldat zu sein.«
»Eine ganze Kohorte? Nicht für diese Bande von Fleischern. Es sind doch nur achtzig, sagtest du. Dafür brauchen wir keine sechshundert Mann!«
»Eine Kohorte kann leichter abkommandiert werden, ein paar hundert Männer …«
»Gut, gut, ich verstehe. Gibt es sonst noch etwas, was ich in dieser Angelegenheit wissen sollte?«
»Nein.«
»Aber?«, fragt Annaeus, als er das Zögern seines Gegenüber bemerkt, während er weiter seine Mahlzeit hinunterschlingt.
»Die Sklaven, die du verliehen hast, für den Bau der Wasserleitungen …«
»Ja?« Er schaut von seinem Teller auf. Seine Augen haben den für ihn typischen drohenden Blick, als wolle er die anstehenden schlechten Nachrichten das Fürchten lehren und davonjagen, bevor sie sich ihm aufdrängen. Doch Hortensius ist damit vertraut. Unbeirrt, mit gleichbleibendem Klang in der Stimme, spricht er darum weiter:
»Es gab einen Unfall, einige von ihnen wurden zerquetscht.«
Annaeus’ Kinnlade sackt nach unten, seine Lider weiten sich. »Beim allerhöchsten Jupiter, das war das letzte Mal«, antwortet er mit zornbebender Stimme und erhebt sich, schneller als man es seiner Korpulenz zutraut.
»Er wird sie dir sicher bezahlen.«
»Womit denn? Sein Schuldenberg ist höher als der Vesuv«, entgegnet Annaeus völlig außer sich. »Ein Narr bin ich gewesen, als ich sie ihm auslieh.« Er setzt sich wieder. Mit einem Seufzer der Erschöpfung streicht er sich über den hervorquellenden Wams. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn: »Ich werde alles absagen.«
»Bis zu den Feierlichkeiten sind es noch vier Tage«, versucht Hortensius ihn umzustimmen, mehr aus Pflichtgefühl denn aus Überzeugung. Wissend, die Absage wird ein Lippenbekenntnis sein.
»Nein, es hat keinen Sinn. Und nun geh! Und überbringe meinen Vorschlag, sie sollen eine Kohorte schicken.«

[…]
Sertorius, hochgewachsen, erkennt am Ende des Marsfeldes unter einem Torbogen den massigen Leib des Sargon und schiebt sich durch das Menschengewimmel. »Ich grüße dich, Erlauchter, ich suche schon den ganzen Morgen nach dir!«
»So, warum? Gibt es besondere Neuigkeiten?«, fragt Sargon spitz.
»Aaah, dein Neffe Cato, ich grüße dich!«
»Sertorius.«
»Es gibt Gerüchte, sie wollen beide Konsuln ins Feld schicken gegen das Sklavenpack. Dem können wir nicht zustimmen«, spricht Sertorius weiter.
»Nein? Sondern? Was sollten wir tun, sprich.«
»Was wir sonst tun sollten, mein Bester, stehst du schon lang hier in der Sonne? Sieh dir diesen Pöbel an. Sie hungern seit Monaten. Womöglich stürmen sie die Getreidelager oder was um aller Götter Willen ihnen sonst noch einfallen mag. Wollen wir ihnen sagen, dass da draußen eine Gefahr lauert, gegen die wir beide Konsuln schicken?«
»Sag’s ihm, Cato.«
»Die Sklaven haben in der letzten Nacht die Gladiatorenschule in Capua überfallen.« Cato wartet, ob Sertorius antworten will und fügt dann hinzu: »Zwei, möglicherweise dreitausend gut ausgebildete Gladiatoren.«
»Bei den Göttern.« Nervös, schwer atmend, fasst Sertorius sich an die Stirn. »Was geht hier vor? Wir hatten doch fast eine Legion ausgesandt. Dreitausend Mann?«, faucht er mit jähzornpulsierenden Schläfen.
»Das war vor einer Woche«, antwortet Cato.
Sertorius blickt fragend, mit halb offenem Mund in das Gesicht des jungen Mannes, als würde dieser ihm absonderliche Geschichten aus der Totenwelt erzählen.»Und weiter? Wo sind sie jetzt, diese Sklaven, die unsere Legionäre niederhauen? Haben wir überhaupt noch Legionäre oder sind es nur noch kastrierte Lustknaben?«
»Die Sklaven sind in östliche Richtung weitergezogen. Sie sind dabei, den Apennin zu überschreiten. Es wurden Spähtrupps ausgesandt, die uns regelmäßig unterrichten. Die Torwachen wurden angewiesen, alle Händler und Reisende bis zum Mittag abzuweisen. Sie könnten bereits davon gehört haben. Danach, wenn es wieder Einlass gibt, wird sich die Nachricht wohl auch innerhalb der Stadt ausbreiten.«
»Weitergezogen? Apennin überschritten? Spähtrupps? Ihr sprecht, als hätten wir einen … Aufstand.«

[…]
Er verabschiedet Skrofa und reitet durch das Lager, dicht gefolgt von seiner Leibgarde. Als er sich seinem Zelt nähert, wird er bereits von einem seiner Offiziere erwartet, in der Hand eine Papyrusrolle. Es ist Cinnas, einer von jenen, die schon unter Sulla zu seinem engeren Kreis gehörten. Crassus wechselt einen kurzen Blick mit ihm und bedeutet dann der Leibgarde zurückzubleiben.
»Also?«
»Lies es!«
Crassus folgt der Hand des Offiziers zu einer markierten Stelle und liest: Der Gott hat alle frei geschaffen: niemanden hat die Natur zum Sklaven gemacht. Alkidamas von Elia. »Alkidamas von Elia, Philosoph, lebte vor ca. 200 Jahren«, spricht er sodann an Cinnas gewandt und gibt ihm das Papyrus zurück.
»Denn das Gleiche ist mit dem Gleichen von Natur aus stammverwandt«, ließt Cinnas weiter, »aber der Brauch, der Tyrann der Menschen, erzwingt vieles gegen die Natur.«
»Hippias von Elis«, antwortet Crassus seinem fragenden Blick. »Lebte vor mehr als 300 Jahren.«
»Ich dachte mir, dass du selbst diesen kennen wirst. – Der Brauch, der Tyrann der Menschen. Ich versteh dich nicht. Weißt du, wie wir Sulla bestattet haben oder deinen Vater? – Zwingt man jemanden wie dich vor ein Gericht, gibt es selbst dort Bräuche. Wie viele unserer Gesetze sind an Bräuche angelehnt oder bewahren diese.«
»Hör auf! – Was willst du, mich belehren?«, faucht er ihn an.
»Schick ihn weg.«
»Nein«, antwortet Crassus entschieden.
»Du willst ihn weiter als Legaten verwenden?«
»Er hat den Senat bisher tadellos unterrichtet und das wird er auch weiterhin tun.«
»Wie? Im Namen EINES Gottes, der alle frei geschaffen hat?« fragt Cinnas. »Wir flehen DIE GÖTTER um Hilfe an, Zeus, Apollo, Mars …«
»Ach wirklich?«, fährt Crassus ihn an. Er lässt sich ein feuchtes Tuch reichen und reibt sich den Staub aus dem Gesicht. »Ich halte diese Gedanken für ebenso gefährlich wie ihr alle. Sieh dir deine Soldaten an, und dann schau auf diesen Cato. Er ist jung, er ist ein Philosoph, ein Idealist. Er wird den Senat weiterhin unterrichten und er wird dabei gewissenhafter und sorgfältiger sein als irgendjemand sonst. Und weißt du, wieso? Weil er wissen will, wie viel Wahrheit in diesen Worten steckt, die er irgendwo jenseits des Weges gefunden hat. Und du willst, dass ich ihn wegschicke. Warum? Aus Furcht? Furcht vor wem? Vor was? Mars und Apollo sind auf unserer Seite, Cinnas. Siehst du, darum geht es in diesem Krieg. Darum geht es und deshalb wird er bleiben.«
Cinnas ergreift kurzerhand seinen Helm und verabschiedet sich. Am Zeltausgang dreht er sich noch einmal um. »Ist er es oder bist du es, der nach dieser Wahrheit gräbt?«


Website von Marc Houma
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